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Der Ausbilder, der alles selbst macht, verhindert Lernen

Der Ausbilder, der alles selbst macht, verhindert Lernen

Es gibt Ausbilder, die ihren Azubis jeden Fehler ersparen wollen. Das klingt fürsorglich. In der Praxis sorgt es oft dafür, dass am Ende niemand selbstständig arbeiten kann.

Der Ausbilder sieht, dass die E-Mail noch nicht perfekt formuliert ist.

Also schreibt er sie schnell selbst.

Die Präsentation ist noch nicht rund? Er übernimmt. Die Aufgabe dauert zu lange? Er zeigt noch einmal, wie es geht – und erledigt den Rest gleich mit. Der Kunde wartet schließlich nicht auf einen Lernprozess.

Am Ende des Tages ist alles fertig. Der Ausbilder ist erschöpft. Der Azubi hat zugesehen.

Und alle nennen das Ausbildung.

Ein Ausbilder greift in eine Aufgabe ein und nimmt einem Auszubildenden Maus und Tastatur weg.
Wer immer alles selbst macht, verhindert, dass Auszubildende selbstständig lernen.

Helfen kann auch heißen, jemanden klein zu halten

Das Problem ist nicht, dass Ausbilder unterstützen. Das müssen sie sogar.

Niemand sollte einen jungen Menschen mit einer komplexen Aufgabe alleinlassen und dann überrascht sein, wenn Fehler entstehen. Ausbildung braucht Sicherheit, Erklärung und Rückmeldung.

Aber Unterstützung kippt irgendwann in Übernahme.

Der entscheidende Unterschied lautet: Hilft der Ausbilder dem Azubi, die Aufgabe selbst zu bewältigen – oder sorgt er nur dafür, dass die Aufgabe möglichst schnell aus der Welt ist?

Das Ergebnis sieht von außen ähnlich aus. Die E-Mail ist verschickt. Die Excel-Tabelle ist fertig. Der Kunde hat eine Antwort bekommen.

Nur gelernt hat möglicherweise niemand etwas.

Das Berufsbildungsgesetz beschreibt das Ziel der Berufsausbildung als Erwerb beruflicher Handlungsfähigkeit – also nicht bloß das fehlerfreie Abarbeiten einzelner Tätigkeiten, sondern die Fähigkeit, berufliche Aufgaben selbstständig zu planen, durchzuführen und zu beurteilen. [1]

Wer jede schwierige Situation an sich zieht, trainiert deshalb genau das Gegenteil.

Der schnelle Griff zur Maus ist pädagogisch teuer

Gerade in Bürojobs passiert es schnell. Ein Azubi sitzt neben dem Ausbilder, öffnet eine Software und sucht den richtigen Button.

„Gib mal her.“

Dieser Satz dauert zwei Sekunden. Er kann aber eine ganze Lernschleife zerstören.

Denn der Azubi hätte vielleicht noch drei Minuten gebraucht. Vielleicht hätte er eine falsche Entscheidung getroffen. Vielleicht hätte er danach erklären können, warum der gewählte Weg nicht funktioniert.

Das wäre Lernen gewesen.

Stattdessen bleibt eine andere Botschaft zurück: Wenn es schwierig wird, übernimmt jemand mit mehr Erfahrung. Und wenn ich schnell genug unsicher wirke, geht es sogar noch schneller.

Das ist keine Charakterschwäche des Azubis. Es ist ein System, das Abhängigkeit belohnt.

Die Bundesagentur für Arbeit beschreibt als Pflicht des Ausbildungsbetriebs, dass Auszubildende die für den Beruf typischen Kenntnisse und Fertigkeiten erwerben können müssen. Dafür braucht es geeignete Ausbildungsbedingungen – nicht nur eine Liste erledigter Aufgaben. [4]

Der Ausbilder verwechselt Qualität mit Kontrolle

Viele Ausbilder machen alles selbst, weil sie glauben, nur so könne die Qualität stimmen.

Dieser Gedanke ist verständlich. Er ist aber gefährlich.

Qualität bedeutet in der Ausbildung nicht, dass der Ausbilder jede Aufgabe persönlich korrigiert, bevor sie die Abteilung verlässt. Qualität bedeutet, dass der Azubi zunehmend in der Lage ist, gute Arbeit selbst zu produzieren – und die eigene Arbeit zu prüfen.

Das ist ein anderer Maßstab.

Ein Ausbilder, der jede Präsentation umschreibt, erzeugt vielleicht eine bessere Präsentation. Ein Ausbilder, der gemeinsam mit dem Azubi Kriterien entwickelt, Zwischenschritte bespricht und anschließend Feedback gibt, entwickelt eine bessere Fachkraft.

Das dauert am Anfang länger. Später spart es Zeit.

Und es verändert die Rolle des Ausbilders: weg vom Reparaturbetrieb, hin zur Lernbegleitung.

Das BIBB empfiehlt, Auszubildende aktiv in den Lern- und Ausbildungsprozess einzubinden, sie selbst nach Lösungen suchen zu lassen und sie dabei zu unterstützen, sich Kenntnisse und Fähigkeiten selbst anzueignen. Dazu gehören neben Fachwissen auch Problemlösungsfähigkeit, Selbstständigkeit und Flexibilität. [3]

Wer immer rettet, nimmt Verantwortung weg

Ein Azubi kann nur Verantwortung übernehmen, wenn Verantwortung tatsächlich bei ihm liegt.

Nicht auf dem Papier. Nicht im Ausbildungsplan. Im echten Arbeitsalltag.

Das heißt nicht, dass Ausbilder Risiken ignorieren sollen. Bei Maschinen, Kundendaten, Datenschutz oder sicherheitsrelevanten Tätigkeiten gelten klare Grenzen. Dort muss Anleitung eng sein.

Aber nicht jede falsch gesetzte Excel-Formel ist eine Katastrophe. Nicht jede ungeschliffene E-Mail braucht eine Übernahme. Und nicht jede langsame Recherche muss durch den Ausbilder beschleunigt werden.

Manchmal ist der Fehler der Preis dafür, dass jemand etwas zum ersten Mal selbst versucht.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Wie verhindere ich jeden Fehler?

Sondern: Welche Fehler darf dieser Mensch machen, ohne dass ein echter Schaden entsteht – und wie nutze ich sie für den nächsten Lernschritt?

Ein Auszubildender arbeitet selbstständig an einer Aufgabe, während der Ausbilder im Hintergrund Leitplanken gibt.
Gute Lernbegleitung gibt Sicherheit, ohne den nächsten Schritt selbst zu gehen.

Vier Fragen vor dem Eingreifen

Bevor der Satz „Gib mal her“ fällt, können Ausbilder vier kurze Fragen stellen:

  • Was genau hast du bisher versucht?
  • Wo steckst du gerade fest?
  • Welche zwei Lösungen siehst du selbst?
  • Woran würdest du erkennen, dass Deine Lösung funktioniert?

Diese Fragen verlängern die Situation. Genau darin liegt ihr Wert.

Sie zwingen den Azubi, das eigene Denken sichtbar zu machen. Und sie geben dem Ausbilder die Möglichkeit zu erkennen, ob tatsächlich Wissen fehlt – oder nur ein Moment der Unsicherheit entstanden ist.

Erst danach sollte die Hilfe dosiert werden. Ein Hinweis. Eine Rückfrage. Ein Beispiel. Vielleicht eine kurze Demonstration.

Aber nicht automatisch die komplette Übernahme.

Der Ausbilder muss aushalten, dass es zunächst schlechter aussieht

Selbstständigkeit entsteht nicht in einer makellosen Übergabe.

Sie entsteht in Momenten, in denen jemand noch nicht alles kann, aber trotzdem anfangen darf. Die erste Präsentation ist dann vielleicht holprig. Die erste Kundenmail klingt noch nicht wie die eines erfahrenen Mitarbeiters. Die erste Auswertung braucht mehr Korrekturen.

Das ist kein Beweis für schlechte Ausbildung.

Das ist der sichtbare Anfang von Ausbildung.

Wer nur Ergebnisse zulässt, die bereits auf Fachkraftniveau liegen, kann keine Fachkräfte entwickeln. Er kann höchstens fertige Fachkräfte einkaufen – wenn der Markt gerade welche übrig hat.

Der Betrieb muss deshalb entscheiden, was ihm wichtiger ist: die perfekte Aufgabe heute oder die wachsende Handlungsfähigkeit eines Menschen in sechs, zwölf oder 24 Monaten.

Beides gleichzeitig gibt es nicht immer.

Ein Azubi ist kein verlängertes Ausführungsorgan

Die unbequeme Wahrheit lautet: Manche Ausbilder wollen gar keine selbstständigen Azubis. Sie wollen verlässliche Unterstützung, die nach Anweisung funktioniert und möglichst wenig Rückfragen stellt.

Das ist keine Ausbildungsidee. Das ist ein Wunsch nach zusätzlicher Arbeitskraft.

Ausbildung darf produktiv sein. Natürlich. Aber Produktivität ist nicht ihr einziger Maßstab. Wer ausbildet, übernimmt Verantwortung für einen Entwicklungsprozess.

Dazu gehört auch, den eigenen Einfluss kleiner werden zu lassen.

Ein guter Ausbilder erkennt man nicht daran, dass ohne ihn nichts läuft. Sondern daran, dass mit der Zeit immer mehr ohne ihn läuft – weil er Menschen befähigt hat, Aufgaben selbst zu übernehmen.

Das kann sich am Anfang wie Kontrollverlust anfühlen.

Tatsächlich ist es Ausbildung.

Die praktische Konsequenz

Für die nächste Woche reicht ein kleines Experiment:

Nimm eine Aufgabe, bei der Du normalerweise sofort eingreifst. Übergib sie bewusst mit einem klaren Ziel, einem sicheren Rahmen und einem Zeitpunkt für Rückfragen. Vereinbare anschließend kein Dauer-Überwachen, sondern ein kurzes Auswertungsgespräch.

Was hat funktioniert? Wo war die Unsicherheit? Welche Entscheidung würde der Azubi beim nächsten Mal selbst treffen?

Wenn die Aufgabe nicht perfekt läuft, ist das nicht automatisch ein Scheitern. Vielleicht hast Du gerade zum ersten Mal gesehen, was sonst immer unter Deiner eigenen Korrektur verschwindet.

Und dann beginnt die eigentliche Arbeit des Ausbilders.

Nicht die Arbeit, alles selbst zu machen.

Sondern die Arbeit, sich selbst Schritt für Schritt überflüssig zu machen.

Quellen

Dieser Beitrag wurde mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erstellt und von mir redaktionell geprüft. Trotz sorgfältiger Bearbeitung können Fehler nicht ausgeschlossen werden. Maßgeblich sind im Einzelfall die aktuellen Originalquellen und eine fachkundige Prüfung.

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