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Best Practice Juni 23, 2026

vocatium Tagung Erfurt

„Die jungen Leute sind halt so“ – und andere Ausreden für schlechte
Ausbildung

  • Client

    vocatium / IfT Institut für Talententwicklung

  • Datum

    23. Juni 2026

  • Art

    Best Practice

Es gibt diesen einen Satz. Man hört ihn in Ausbildungsabteilungen, in Pausenräumen, auf Fachkonferenzen. Meistens mit einem Seufzen davor und einem Schulterzucken danach:

„Die jungen Leute sind halt so.“

Drei Worte. Ein bequemes Urteil. Und vor allem: eine Ausrede.

Genau darüber durfte ich am 23. Juni in Erfurt sprechen – auf der vocatium Tagung der IfT Institut für Talententwicklung Mitte, unter dem schönen Motto „Ticket to Talent – neue Wege, bewährte Routen“. Gastgeber waren die Stadtwerke Erfurt. Im Publikum: Personalverantwortliche, Lehrkräfte, Ausbilder:innen. Also genau die Menschen, die diesen Satz täglich hören. Oder selbst sagen.


Sie wollen nicht arbeiten. Haben unrealistische Ansprüche. Keine Ausdauer.

So lauten die gängigen Klischees über die Generation Z. Sie sind griffig, sie sind alt, und sie funktionieren wunderbar – als Erklärung dafür, warum die eigene Ausbildung nicht läuft.

Nur: Sie stimmen nicht.

Genauer gesagt sind sie eine Verwechslung. Wir halten ein Verhalten für eine Eigenschaft. Wenn ein:e Azubi nach drei Wochen innerlich gekündigt hat, dann ist das selten „die Generation“. Es ist meistens ein Onboarding, das aus einem Spind, einem Passwort und einem „Melde dich, wenn du Fragen hast“ besteht.

Die Diagnose ist falsch. Und mit der falschen Diagnose behandelt man bekanntlich auch die falsche Krankheit.


Die beliebtesten Ausreden – und was wirklich dahintersteckt

„Die haben keine Ausdauer.“ Übersetzt: Bei uns gibt es nichts, wofür es sich lohnt, durchzuhalten. Wer von Tag eins an nur verwaltet statt begleitet wird, entwickelt keine Bindung. Bindung entsteht nicht durch Ansage, sondern durch Beziehung.

„Die haben unrealistische Ansprüche.“ Übersetzt: Sie erwarten Feedback, Sinn und Wertschätzung. Skandalös. Das sind keine Ansprüche der Generation Z – das sind die Mindeststandards guter Arbeit. Wir haben sie nur jahrzehntelang weggelassen und es Tradition genannt.

„Die wollen alles digital.“ Ja. Weil ihre Welt digital ist. Wer 2026 Ausbildung noch mit dem Tempo und der Oberfläche von 2006 betreibt, sollte sich nicht über mangelnde Begeisterung wundern.


Die Jugend hat kein Update-Problem. Eure Organisation schon.

Ich komme aus der IT. Und ich kann diese Sprache nicht abschalten – zum Glück, denn sie passt hier perfekt.

Wenn ein neues Gerät nicht mit eurem System läuft, sagt niemand: „Das Gerät ist halt so.“ Man prüft die Schnittstelle. Man fragt, was auf eurer Seite veraltet ist.

Bei jungen Menschen machen wir es umgekehrt. Das System bleibt, wie es ist – und der Mensch soll sich anpassen. Dabei ist die junge Generation nicht das fehlerhafte Gerät. Sie ist der Realitätscheck für eure Organisation.

Die jungen Leute sind nicht das Problem. Sie sind das Frühwarnsystem.


Was das in der Praxis heißt

Gute Ausbildung ist kein Charakterzeugnis über die Jugend. Sie ist eine organisatorische Leistung. Konkret:

  • Pre- und Onboarding ernst nehmen. Die Bindung entscheidet sich, bevor der erste Arbeitstag beginnt – nicht im dritten Lehrjahr.
  • Beziehung vor Belehrung. Vertrauen, echte Beteiligung, verlässliche Ansprechpersonen. Das war nicht zufällig der rote Faden durch die ganze Tagung.
  • Praxisausbilder:innen befähigen, nicht nur beauftragen. Wer Menschen entwickeln soll, braucht Zeit, Haltung und Rückendeckung – kein zusätzliches Häkchen auf der To-do-Liste.
  • Die eigene Organisation zum Gegenstand machen. Bevor wir die nächste Generation analysieren, lohnt der Blick in den eigenen Maschinenraum.

Danke, Erfurt

Es war ein starker Tag mit klugen Impulsen – von Robin Remus‘ Plädoyer für Haltung und Beziehung im Jenaplan über Johannes Kirns Blick auf KI und Mindset bis zu Christian Laues Praxisbericht aus Waltershausen. Danke an Franziska Gutzmer-Schubert für die Moderation und an das Team der IfT Institut für Talententwicklung Mitte für die Einladung und Organisation.

Mein Fazit bleibt unbequem und ich stehe dazu:

Die jungen Leute sind nicht das Problem. „Die jungen Leute sind halt so“ ist das Problem.

Den Rest können wir ändern. Wenn wir wollen.

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