26 Prozent Abitur: Warum Ausbildung kein Plan B mehr sein darf
Am Eingang der Werkstatt steht ein junger Bewerber. Unter dem Arm: ein Zeugnis mit guten Noten. In der Hand: die Frage, ob eine Ausbildung für ihn wirklich als Weg nach vorn gilt – oder ob alle im Raum insgeheim auf ein Studium warten.

Diese Frage wird selten ausgesprochen. Sie wirkt trotzdem in vielen Bewerbungsgesprächen mit.
Dabei sprechen die aktuellen Zahlen eine andere Sprache: 2025 hatten 26 Prozent der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge Bewerberinnen und Bewerber mit Abitur oder Fachhochschulreife.[1] Ausbildung ist damit nicht der Weg, der übrig bleibt, wenn andere Türen geschlossen sind. Sie ist eine bewusste Entscheidung vieler junger Menschen.
Meine These: Ausbildungsbetriebe müssen ihre Kommunikation und ihre Auswahlprozesse so bauen, dass Ausbildung als anspruchsvoller Entwicklungsweg sichtbar wird – nicht als Gegenentwurf zum Studium.
Das Problem liegt oft vor dem Bewerbungsgespräch
Wer Ausbildungsstellen beschreibt, schreibt häufig über Aufgaben, Voraussetzungen und Benefits. Das ist notwendig. Es beantwortet aber noch nicht die entscheidende Frage: Was kann aus mir in diesem Betrieb werden?
Gerade leistungsstarke Schülerinnen und Schüler prüfen diese Frage sehr genau. Sie wollen nicht nur wissen, welche Abteilung sie am ersten Tag sehen. Sie wollen verstehen, ob sie Verantwortung übernehmen, Technik gestalten, Kunden beraten oder später eine Weiterbildung anschließen können.
Ein Satz wie „Bei uns kannst du auch später noch studieren“ hilft dabei nur begrenzt. Er stellt die Ausbildung weiterhin als Zwischenstation dar. Besser ist eine Beschreibung, die den Ausbildungsberuf selbst ernst nimmt: Welche echten Probleme löst eine Fachkraft? Welche Entscheidungen lernt ein Azubi zu treffen? Woran zeigt sich Entwicklung nach sechs, zwölf oder 24 Monaten?
Das ist kein Werbetrick. Es ist eine präzisere Übersetzung der Arbeit.
Die aktuellen Veröffentlichungen von Destatis zeigen außerdem, dass Ausbildung nicht nur in klassischen Büroberufen attraktiv bleiben kann. In Berufen der Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik begannen 2025 knapp 14.400 Menschen eine Ausbildung; gegenüber 2015 entspricht das einem Anstieg der neuen Ausbildungsverträge um 30,5 Prozent.[1] Das beweist nicht, dass jeder technische Beruf automatisch Bewerbungen anzieht. Es zeigt aber, dass konkrete Zukunftsaufgaben eine starke Erzählung für Ausbildung sein können.
Gute Ausbildungswerbung zeigt Arbeit, nicht nur Atmosphäre
Ein Foto vom lächelnden Team sagt wenig über den späteren Alltag. Ein echter Einblick sagt mehr.

Zum Beispiel: Eine Auszubildende erklärt an einer Anlage, welche Messwerte sie prüft. Ein Ausbilder fragt nach ihrer Entscheidung, statt sofort die Lösung zu nennen. Ein ehemaliger Azubi berichtet, welche Aufgabe er heute selbstständig übernimmt. Drei Minuten solcher Einblicke können mehr Orientierung geben als eine lange Liste von Benefits.
Dabei sollten Betriebe nicht versuchen, den Weg zu beschönigen. Anspruch gehört in die Kommunikation. Wer eine technische Ausbildung anbietet, darf zeigen, dass am Anfang Fragen offenbleiben, Hände schmutzig werden und Fehler gemeinsam analysiert werden. Genau dadurch wird sichtbar, dass es um Können geht.
Auch die Auswahl sollte zu diesem Bild passen. Ein gutes Gespräch fragt nicht nur nach Schulnoten und bisherigen Erfahrungen. Es gibt eine kleine, realistische Aufgabe: einen Fehler in einer Skizze finden, einen Ablauf erklären, eine Kundenfrage sortieren oder eine Beobachtung begründen. Nicht als Prüfung, sondern als Arbeitsprobe mit anschließender Rückmeldung.
So bekommen beide Seiten bessere Informationen. Der Betrieb sieht, wie jemand denkt und lernt. Die Bewerberin oder der Bewerber erlebt, ob die Arbeit tatsächlich interessant ist.
Vom Abschluss her denken: Wo soll dieser Weg hinführen?
Ausbildung wird glaubwürdig, wenn der nächste Schritt schon im ersten Gespräch erkennbar ist.
Das heißt nicht, jedem jungen Menschen eine Karriereleiter mit fünf Stufen zu versprechen. Es heißt, ehrlich zu zeigen, welche Entwicklung im Betrieb möglich ist: zusätzliche Qualifikationen, anspruchsvollere Aufgaben, Spezialisierung, Meister- oder Fachwirtperspektiven, ein späteres duales Studium oder Verantwortung in Projekten.
Der BIBB-Pressebereich zeigt, wie schnell sich auch die Lern- und Informationswelt der Ausbildung verändert: Mit „Lea-KI“ ist im September 2026 ein KI-Chatbot auf dem Portal Leando gestartet, der Ausbildungs- und Prüfungspersonal beim Finden und Erschließen von Informationen unterstützen soll.[2] Das ist kein Beleg dafür, dass KI Ausbildung automatisch verbessert. Es ist aber ein Hinweis darauf, dass berufliches Lernen neue Werkzeuge und neue Prüfregeln braucht.
Für Betriebe folgt daraus eine einfache Aufgabe: Sie sollten nicht nur den Ausbildungsplatz erklären, sondern auch die Lernkultur dahinter.
- Welche Fragen darf ein Azubi stellen?
- Wie wird aus einem Fehler eine Lernaufgabe?
- Welche Ergebnisse müssen selbst begründet werden?
- Wie wächst Verantwortung sichtbar, ohne jemanden ins kalte Wasser zu werfen?
Wer diese Fragen beantworten kann, spricht auch junge Menschen an, die mehrere Bildungswege ernsthaft vergleichen.
Drei Änderungen, die sofort möglich sind
Erstens: Stellenanzeigen vom Tagesablauf her schreiben. Nicht nur „vielfältige Aufgaben“, sondern eine konkrete Situation: „Du prüfst am Vormittag eine Anlage, dokumentierst deine Messung und besprichst die Abweichung mit deiner Ausbilderin.“
Zweitens: Im Auswahlprozess eine echte Arbeitsprobe einbauen. Sie sollte kurz, barrierearm und nachvollziehbar sein. Bewertet wird nicht nur das Ergebnis, sondern auch die Frage: Wie geht jemand mit einem Hinweis um?
Drittens: Einen Entwicklungssatz verbindlich machen. Jede Ausbildungsstelle sollte beantworten: „Was kann ich nach dieser Ausbildung, was ich am ersten Tag noch nicht kann?“ Wenn der Betrieb darauf keine klare Antwort findet, ist das ein internes Signal – nicht nur ein Kommunikationsproblem.
Die Qualifizierungsoffensive Berufliche Bildung des Bundes verweist zugleich auf eine größere Herausforderung: Knapp 2,7 Millionen Menschen zwischen 20 und 34 Jahren haben das Bildungssystem ohne berufliche Qualifikation verlassen.[3] Diese Zahl sagt nichts über einzelne Biografien und sie ist kein Freibrief für pauschale Recruitingversprechen. Sie zeigt aber, wie wichtig verständliche, erreichbare und ernst gemeinte Übergänge in berufliche Bildung bleiben.
Ausbildung nicht kleiner machen, damit sie leichter wirkt
Manchmal versuchen Betriebe, Ausbildung besonders niedrigschwellig darzustellen. Das ist gut gemeint. Es kann aber den gegenteiligen Effekt haben: Wer Leistung bringen will, fühlt sich nicht angesprochen, wenn nur von „Spaß im Team“ und „guten Chancen“ die Rede ist.
Ausbildung darf anspruchsvoll klingen. Sie darf zeigen, dass man danach mehr kann, mehr versteht und mehr Verantwortung tragen kann.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Wie überzeugen wir Abiturientinnen und Abiturienten davon, dass Ausbildung auch geht?
Sondern: Wie zeigen wir ihnen, dass Ausbildung ein Weg ist, auf dem sie etwas aufbauen können?
Das beginnt bei der Anzeige. Es setzt sich im Gespräch fort. Und es entscheidet sich jeden Tag an der Werkbank, im Büro, auf der Baustelle oder beim Kunden.
Wer den Weg vom ersten Einblick bis zur späteren Fachkraftrolle beschreibt, kann dabei an die Frage anschließen, wie Ausbildung nach der Prüfung weitergeht. Auch die Lernregeln für KI werden wichtiger, wenn junge Menschen in einer digitaleren Arbeitswelt handlungsfähig werden sollen. Dazu passen die Beiträge zur Übernahme nach der Ausbildung und zu KI in der Ausbildung.
Welche konkrete Entwicklung kann ein junger Mensch in eurer Ausbildung heute sehen, die in einer Stellenanzeige noch nicht sichtbar wird?
Sources
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