Ausbildung 2026: Warum modulare Lernwege kein Notbehelf sein dürfen
Am ersten Tag steht die neue Auszubildende neben einer Maschine. Sie schaut zu, nickt, probiert es selbst – und macht einen Fehler.
Noch ist das kein Problem. Problematisch wird es erst, wenn der Betrieb daraus nur eine Entscheidung macht: geeignet oder nicht geeignet.
These: Modulare Qualifizierung darf kein kleiner Ersatz für „richtige“ Ausbildung sein. Sie muss eine verbindbare Lernstrecke schaffen: mit klaren Aufgaben, sichtbaren Übergängen und einem Weg in mehr Verantwortung.

Der Ausbildungsmarkt zeigt nicht nur ein Mengenproblem
Die aktuelle Lage ist widersprüchlich. Nach der BIBB-Erhebung zum 30. September 2025 wurden rund 476.000 duale Ausbildungsverträge neu abgeschlossen – 2,1 Prozent weniger als im Vorjahr.[1] Gleichzeitig waren 84.400 junge Menschen noch auf der Suche nach einer Ausbildungsstelle. Das waren 14.000 mehr als im Vorjahr.[1]
Das ist keine einfache Geschichte von „zu wenig Jugendlichen“. Und auch keine von „zu schlechten Bewerbungen“.
Es gibt offene Seiten. Aber sie finden nicht zuverlässig zusammen.
Der BIBB-Präsident nennt deshalb einen Gedanken, der für Betriebe wichtiger ist als jede neue Recruitingkampagne: berufliche Bildungsangebote müssen stärker auf unterschiedliche Lernvoraussetzungen reagieren. Genannt werden unter anderem modular anschlussfähige Qualifizierungsstrukturen, bessere Übergänge, Ausbildungsbausteine und geförderte Teilqualifikationen.[1]
Das bedeutet nicht, Anforderungen abzuschaffen. Es bedeutet, Lernen so zu organisieren, dass ein Einstieg nicht davon abhängt, am ersten Tag bereits wie eine fertige Fachkraft zu funktionieren.
Ein Modul ist noch kein Lernweg
In vielen Betrieben klingt „modular“ zunächst praktisch: eine Aufgabe hier, ein kurzer Kurs dort, ein Zertifikat am Ende. Doch einzelne Bausteine ergeben noch keine Ausbildung.
Ein Lernweg entsteht erst, wenn vier Fragen beantwortet sind:
- Welche berufliche Handlung steht am Anfang?
- Was muss eine Person dafür verstehen und üben?
- Woran wird sichtbar, dass der nächste Schritt möglich ist?
- Wie führt der Baustein in die nächste anspruchsvollere Aufgabe?
Ein Beispiel aus dem Lager: Statt „Logistik lernen“ bekommt eine Person zunächst eine überschaubare Strecke. Auftrag lesen. Ware finden. Menge prüfen. Abweichung melden. Danach kommt die nächste Stufe: einen Auftrag vorbereiten, Prioritäten setzen, die Übergabe erklären.
Das ist nicht weniger professionell als ein großer Ausbildungsplan. Es ist professioneller, weil Lernen an einer echten Handlung sichtbar wird.
Der entscheidende Unterschied lautet: Ein Modul endet nicht mit der Frage, ob jemand es irgendwie geschafft hat. Es endet mit einer begründeten Entscheidung, welche Verantwortung als Nächstes möglich ist.
Drei Übergänge, die Betriebe bauen müssen
Vom Beobachten zum Ausprobieren.
Wer nur zuschaut, lernt noch nicht automatisch. Deshalb braucht jede Einstiegsaufgabe einen Teil, den die neue Person selbst durchführen darf – mit einer klaren Grenze, an der Rücksprache notwendig ist.
Vom Ausprobieren zum Erklären.
Eine Handlung kann zufällig funktionieren. Wer den eigenen Ablauf erklären kann, zeigt ein anderes Maß an Verständnis. Die kurze Frage „Woran hast du das erkannt?“ ist oft wertvoller als ein allgemeines „Hast du es verstanden?“
Vom Erklären zum Verantworten.
Verantwortung wächst nicht durch einen Motivationsspruch. Sie wächst, wenn klar ist, welche Entscheidung selbst getroffen werden darf, welche Folgen sie hat und wann Unterstützung geholt werden muss.
Diese Übergänge brauchen Zeit. Aber sie machen Zeit sichtbar. Aus „Die Person ist noch nicht selbstständig“ wird: „Sie kann die Aufgabe durchführen, braucht aber bei Abweichungen noch eine Rückfrage.“ Damit lässt sich arbeiten.

Was tun, wenn die interne Zeit fehlt?
Nicht jeder Betrieb kann für jede Lernlücke ein eigenes Programm entwickeln. Das ist kein Argument, den Einstieg aufzugeben. Es ist ein Anlass, Unterstützung einzubeziehen.
Die Bundesagentur für Arbeit beschreibt die Assistierte Ausbildung als Förderangebot für junge Menschen und Betriebe. Sie kann unter anderem bei Organisation und Durchführung der Ausbildung, bei Ausbildungs- oder Qualifizierungsplänen sowie bei Wissenslücken und Sprach- oder Lerndefiziten unterstützen.[2] Der Einstieg ist jederzeit möglich; während der Förderdauer gibt es eine feste Ansprechperson.[2]
Ob die Voraussetzungen im Einzelfall erfüllt sind, muss mit der Agentur für Arbeit oder dem Jobcenter geklärt werden. Die Förderung beantragen Auszubildende beziehungsweise Bewerberinnen und Bewerber.[2]
Für Betriebe ist daraus eine nüchterne Konsequenz abzuleiten: Erst den Lernweg beschreiben. Dann prüfen, welcher Teil intern geleistet werden kann und wo externe Begleitung sinnvoll ist.
Ein Praxistest für die nächste Ausbildungswoche
Nehmt eine Aufgabe aus den ersten vier Wochen. Keine künstliche Übung. Eine echte Tätigkeit, die im Betrieb ohnehin vorkommt.
Beschreibt sie auf einer Seite in drei Stufen:
- Einstieg: Was beobachtet und erklärt die neue Person?
- Übung: Welchen Teil führt sie selbst durch, und wo holt sie Rückmeldung ein?
- Verantwortung: Welche Entscheidung trifft sie später eigenständig?
Ergänzt zu jeder Stufe ein sichtbares Signal. Eine richtige Prüfung. Eine vollständige Übergabe. Eine sauber begründete Rückfrage. Ein dokumentierter Umgang mit einer Abweichung.
Dann besprecht nicht nur das Ergebnis. Sprecht über den Lernschritt.
Wenn der Übergang nicht gelingt, ist die erste Frage nicht: „Warum kann sie das noch nicht?“ Sondern: „Welcher Zwischenschritt hat gefehlt?“
Das ist keine Schonhaltung. Es ist Fehleranalyse im Ausbildungssystem.
Die Zahlen des BIBB beweisen nicht, dass modulare Lernwege jeden Ausbildungsabbruch verhindern oder jedes Besetzungsproblem lösen. Sie zeigen aber eine Lage, in der Betriebe und junge Menschen trotz vorhandener Nachfrage häufiger an Übergängen scheitern. Die Antwort sollte deshalb nicht nur lauter heißen: mehr Reichweite, mehr Bewerbungen, mehr Tempo.
Sie sollte präziser werden: bessere Einstiege, nachvollziehbare Lernschritte, anschlussfähige Verantwortung.
Eine Ausbildung muss nicht leichter werden. Aber sie muss lernbarer werden.
Weiterführend
- Ausbildungsrecruiting: Nicht jede Bewerbung ist das Problem – oft ist es der Prozess
- Ausbildung nach dem Abitur: Was Betriebe an ihrer Lernkultur ändern müssen
- Ausbildungsreife ist kein Filter: Warum Betriebe Lernfähigkeit organisieren müssen
Sources
- BIBB-Präsident Esser: Berufliche Bildung muss resilienter werden – Datenreport 2026
- Assistierte Ausbildung (AsA): Informationen für Arbeitgeber | Bundesagentur für Arbeit
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