Ausbildung ist kein Jugendthema: Warum Betriebe auch 20- bis 34-Jährige erreichen müssen
Der Bewerber sitzt im Gespräch, wirkt freundlich, hat Berufserfahrung – und sagt irgendwann: „Ich habe keinen Abschluss.“
In vielen Betrieben verändert sich an dieser Stelle die Atmosphäre. Aus einem möglichen Ausbildungsstart wird plötzlich ein Sonderfall. Vielleicht zu alt. Vielleicht zu weit weg von der Schule. Vielleicht zu kompliziert.
Dabei ist genau diese Person Teil einer Zielgruppe, die der Ausbildungsmarkt nicht länger übersehen kann.
Meine These: Ausbildung darf im Recruiting nicht stillschweigend als Angebot für 16- bis 19-Jährige behandelt werden. Wer junge Erwachsene mit Umwegen, Abbrüchen oder fehlendem Berufsabschluss erreichen will, braucht andere Ansprache, andere Fragen und ein Onboarding, das nicht voraussetzt, dass der erste Bildungsweg glatt verlaufen ist.

Die Zielgruppe steht nicht am Rand
Der BIBB-Datenreport 2026 weist für 2024 einen Anteil von 18,8 Prozent der 20- bis 34-Jährigen ohne Berufsabschluss aus. Hochgerechnet entspricht das 2,76 Millionen jungen Erwachsenen.[2]
Das ist keine Zahl, aus der sich automatisch ein Bewerberpotenzial für jeden einzelnen Betrieb ableiten lässt. Sie sagt auch nichts darüber, wer sofort eine duale Ausbildung beginnen möchte oder welche Unterstützung eine Person benötigt.
Aber sie verschiebt den Blick.
Wer Ausbildungsmarketing nur an Schulen, Abschlussklassen und klassischen Bewerbungszeiträumen ausrichtet, erreicht einen Teil des Arbeitsmarktes systematisch nicht. Die Bundesagentur für Arbeit beschreibt ihre Ausbildungsmarktstatistik ausdrücklich als Auswertung der gemeldeten Bewerberinnen und Bewerber sowie der gemeldeten Berufsausbildungsstellen. Sie bildet also den gemeldeten Markt ab – nicht jede Person und jeden Betrieb.[1]
Für die Praxis heißt das: Sichtbarkeit ist keine Nebensache. Und Alter ist kein brauchbarer Ersatz für eine Eignungsprüfung.
Warum klassische Ausbildungswerbung hier nicht reicht
Eine Anzeige mit „Schülerinnen und Schüler willkommen“ kann freundlich gemeint sein. Für einen 27-Jährigen, der nach mehreren Jobs neu anfangen möchte, klingt sie trotzdem wie ein Hinweis: Das hier ist nicht für mich.
Auch die Bildsprache setzt oft ein enges Signal. Schulranzen, Abschlussklasse, Bewerbungstraining. Das erzählt eine Geschichte über den direkten Übergang von der Schule in den Beruf. Andere Bildungswege kommen darin nicht vor.
Dabei bringen ältere Bewerberinnen und Bewerber oft Erfahrungen mit, die in einer Ausbildungsentscheidung relevant sind: Umgang mit Kunden, Schichtarbeit, Familienverantwortung, ein abgebrochenes Studium, praktische Routinen oder die Erkenntnis, was im ersten Anlauf nicht gepasst hat.
Das macht eine Ausbildung nicht automatisch leichter. Es macht die Ausgangslage aber anders.
Wer diese Menschen gewinnen will, sollte deshalb nicht versuchen, sie sprachlich in eine Schulabgängerrolle zurückzudrängen. Besser ist eine klare Einladung: Du kannst bei uns einen anerkannten Berufsabschluss nachholen oder neu erwerben. Wir erklären dir, wie der Einstieg aussieht. Und wir sprechen offen darüber, was dafür nötig ist.

Drei Stellen, an denen Betriebe umdenken können
Erstens: die Zielgruppe sichtbar benennen.
Nicht jede Anzeige braucht eine Altersformel. Aber jede Anzeige sollte zeigen, für wen der Einstieg realistisch ist. „Berufswechslerinnen und Berufswechsler willkommen“ ist konkreter als ein allgemeines „Wir bilden aus“. Ebenso hilfreich sind Informationen zu Arbeitszeit, Berufsschule, Vergütung, Anerkennung vorhandener Erfahrungen und dem Ablauf der ersten Wochen.
Zweitens: im Gespräch die Biografie verstehen, nicht bewerten.
Die Frage „Warum haben Sie noch keinen Abschluss?“ kann wie ein Verhör wirken. Eine bessere Frage lautet: „Welche Erfahrungen bringen Sie mit, und was soll diesmal anders laufen?“
Das ist kein Kuschelkurs. Der Betrieb muss weiterhin prüfen, ob Aufgaben, Anforderungen und Rahmenbedingungen passen. Aber er prüft dann die tatsächliche Passung – nicht die Abweichung vom erwarteten Lebenslauf.
Drittens: den Einstieg planbar machen.
Ein später oder zweiter Bildungsweg braucht häufig mehr Orientierung, nicht weniger. Wer erklärt die betrieblichen Abläufe? Wie wird der Berufsschulstoff begleitet? An wen kann sich die Person wenden, wenn private oder organisatorische Hürden auftauchen? Welche Erwartungen gelten nach zwei Wochen, nach drei Monaten und am Ende der Probezeit?
Ein solches Onboarding ist keine Sonderbehandlung. Es ist eine Investition in Klarheit.
Ausbildung muss nicht beim ersten Versuch beginnen
Der BIBB-Datenreport beschreibt den Anteil junger Erwachsener ohne Berufsabschluss als weiterhin hoch und verweist zugleich auf die Notwendigkeit besserer Übergänge und anschlussfähiger Qualifizierungsstrukturen.[2] Daraus folgt keine Patentlösung für Betriebe. Es folgt aber eine Verantwortung für die Gestaltung der Zugänge.
Ein Betrieb kann nicht jede Bildungsbiografie auffangen. Er kann aber aufhören, bestimmte Biografien durch seine Sprache und seine Abläufe vorsortieren zu lassen.
Dafür reicht ein kleiner Praxistest. Nehmt die aktuelle Ausbildungsanzeige und prüft sie aus Sicht einer 26-jährigen Person ohne Abschluss:
- Erkenne ich, dass ich ausdrücklich angesprochen bin?
- Verstehe ich, was mich im ersten Monat erwartet?
- Weiß ich, welche Erfahrungen ich mitbringen darf?
- Ist beschrieben, wie der Betrieb mit Lernlücken umgeht?
- Gibt es eine erreichbare Person für meine Fragen vor der Bewerbung?
Wenn vier Antworten „nein“ lauten, liegt das Problem nicht zwingend bei der Zielgruppe.
Vielleicht ist der Zugang einfach zu eng gebaut.
Der Ausbildungsstart braucht mehr als ein Schuljahr
Ausbildung ist ein Weg in berufliche Handlungsfähigkeit. Für manche beginnt er direkt nach der Schule. Für andere nach Jahren des Suchens, Arbeitens oder Abbrechens.
Beides verdient denselben Respekt – und dieselbe Ernsthaftigkeit im Auswahlprozess.
Betriebe, die auch 20- bis 34-Jährige erreichen wollen, müssen keine weichgespülten Versprechen machen. Sie müssen konkret werden: Was wird gelernt? Was wird erwartet? Welche Unterstützung gibt es? Und wie sieht eine realistische Perspektive nach dem Abschluss aus?
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: „Warum hat diese Person bisher keine Ausbildung gemacht?“
Sondern: „Was können wir jetzt so gestalten, dass ein guter Einstieg möglich wird?“
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