30 Prozent weniger Ausbildungsplätze: Warum Kürzen jetzt teuer werden kann
Im Besprechungsraum liegt eine Tabelle. Drei Spalten sind rot markiert: Auftragseingang, Personalbudget, Ausbildungsplätze.
Die erste Zahl macht Sorgen. Die zweite erklärt die Nervosität. Bei der dritten fällt die Entscheidung oft schnell: Dann nehmen wir eben einen Platz weniger.
Genau dort lohnt sich ein zweiter Blick.
Fast jeder dritte Ausbildungsbetrieb in Baden-Württemberg rechnet 2026 damit, weniger Ausbildungsplätze anzubieten. Das ergab die Ausbildungsumfrage der baden-württembergischen IHKs im Juli 2026. Die Angabe beschreibt eine Planung von Betrieben in dieser Region, keine bundesweite Ist-Zahl.[1]
Meine These: In wirtschaftlich angespannten Zeiten sollten Betriebe Ausbildungsplätze nicht pauschal kürzen. Sie sollten ihr Ausbildungsportfolio schärfen: Welche Fachkräfte brauchen wir sicher? Welche Lernqualität können wir verlässlich liefern? Und wo ist ein Platz kurzfristig verzichtbar, ohne die eigene Zukunftsplanung zu beschädigen?
Der Ausbildungsmarkt ist kein einfacher Rückgang
Die Lage ist widersprüchlich. Destatis meldete für 2025 rund 461.800 neu begonnene duale Ausbildungen. Das waren 2,8 Prozent weniger als 2024.[2] Der BIBB-Datenreport 2026 kommt für seine Erhebung zum 30. September 2025 auf rund 476.000 neu abgeschlossene duale Ausbildungsverträge und einen Rückgang um 2,1 Prozent.[3]
Die beiden Werte sind nicht einfach gegeneinander auszuspielen. Sie beruhen auf unterschiedlichen Abgrenzungen und Zeitpunkten. Gemeinsam zeigen sie aber eine Richtung: Der Ausbildungsmarkt wächst nicht automatisch mit dem Bedarf der Unternehmen.
Und gleichzeitig bleiben junge Menschen ohne Platz. Laut BIBB stieg die Zahl der unversorgten Bewerberinnen und Bewerber zum 30. September 2025 um 28 Prozent auf 39.900 – der höchste Stand seit 2007.[3]
Weniger Verträge, unversorgte Bewerber, wirtschaftlicher Druck: Das ist kein Markt, auf dem eine einzelne Zahl die Entscheidung für oder gegen Ausbildung abnehmen kann.
Wer jetzt nur auf die Kosten schaut, verschiebt die Frage. Er beantwortet nicht, welche Fähigkeiten in zwei oder drei Jahren fehlen werden.
Kürzen ist eine strategische Entscheidung – auch wenn es nicht so aussieht
Ein Ausbildungsplatz ist kein Schalter, den man bei schlechter Stimmung einfach aus- und bei besserer Stimmung wieder einschaltet. Hinter jedem Platz stehen Ausbilderzeit, Lernaufgaben, Berufsschulkoordination, Arbeitsmittel und eine Fachkraft, die Verantwortung übernimmt.
Das kostet heute Zeit. Es erzeugt aber auch eine eigene Form von Planungssicherheit. Der Betrieb lernt die Person über einen langen Zeitraum kennen. Die Auszubildende lernt Abläufe, Kunden und Qualitätsmaßstäbe nicht nur in einer Bewerbungsphase, sondern im echten Arbeitsprozess kennen.
Das ist keine Garantie für eine spätere Übernahme. Es ist aber eine belastbarere Grundlage als die Hoffnung, passende Fachkräfte würden sich später schon finden.
Die IHK-Zahl von 30 Prozent ist deshalb kein Argument für ein pauschales „Weiter so“. Sie ist ein Anlass, die Ausbildungsentscheidung aus dem Bauchgefühl herauszuholen. Ein Betrieb kann Plätze reduzieren wollen, weil Aufträge fehlen. Ein anderer plant weniger, weil Ausbilderinnen und Ausbilder überlastet sind. Ein dritter hat sein Berufsbild seit Jahren nicht geprüft und erhält deshalb kaum passende Bewerbungen.
Diese Ursachen sehen ähnlich aus – und brauchen doch unterschiedliche Antworten.
Drei Fragen vor dem Rotstift
Erstens: Welche Fachkräfte werden in drei Jahren gebraucht?
Nicht abstrakt, sondern entlang der realen Arbeit. Welche Anlagen, Kunden, Software, Maschinen oder Prozesse müssen dann beherrscht werden? Welche Aufgaben kann der Betrieb nicht einfach zukaufen, weil Wissen, Beziehung oder Verantwortung intern wachsen müssen?
Die Antwort darf auch lauten: In einem bestimmten Beruf bilden wir vorübergehend weniger aus. Sie sollte aber begründet sein – und nicht nur die aktuelle Auftragslage spiegeln.
Zweitens: Wo liegt der Engpass wirklich?
Manchmal fehlt nicht der Ausbildungsplatz, sondern die Zeit für gute Ausbildung. Dann ist ein zusätzlicher Platz tatsächlich keine gute Nachricht. Ein überforderter Ausbilder, unklare Lernaufgaben und ständig verschobene Rückmeldungen machen aus einem Platz schnell eine Enttäuschung.
Die Lösung muss dann nicht zwingend „weniger Ausbildung“ heißen. Möglich sind ein gemeinsamer Ausbildungsverbund, feste Lernzeiten, eine zweite ausbildende Person oder eine klarere Verteilung der Aufgaben im Team. Der Engpass muss benannt werden, bevor die Platzzahl als Stellvertreter dafür herhalten muss.
Drittens: Was wird aus dem Platz, wenn wir ihn nicht anbieten?
Diese Frage klingt unbequem, ist aber nützlich. Verschwindet eine unpassende Stelle? Oder verschwindet eine Gelegenheit, junge Menschen früh an einen Beruf heranzuführen, den der Betrieb später dringend braucht?
Auch die Bewerberlage liefert dafür nicht automatisch eine Antwort. Dass es unversorgte Bewerber gibt, beweist nicht, dass jede Stelle besetzt wird. Dass ein Betrieb keine passenden Bewerbungen erhält, beweist umgekehrt nicht, dass es kein Interesse an diesem Beruf gibt. Zwischen Angebot und Besetzung liegen Berufsbild, Region, Arbeitsbedingungen, Auswahl und Ansprache.
Ausbildung kleiner machen oder besser zuschneiden?
Ein sinnvoller Plan kann deshalb sehr unterschiedlich aussehen.
Ein Handwerksbetrieb hält die Gesamtzahl der Plätze stabil, bündelt aber zwei Ausbildungsberufe in einem gemeinsamen ersten Lernjahr. Ein mittelständisches Unternehmen bietet in einem Engpassberuf weiter aus, verschiebt dafür einen weniger kritischen Platz und reserviert feste Zeit für Praxisanleitung. Ein größerer Betrieb reduziert die Zahl nicht, sondern prüft, ob einzelne Ausbildungsinhalte mit Partnerunternehmen oder einem Verbund besser abgedeckt werden können.
Das sind keine Patentrezepte. Sie zeigen eine andere Denkweise: Nicht die Platzzahl allein ist die Strategie. Entscheidend ist, ob ein junger Mensch in diesem Betrieb tatsächlich berufliche Handlungsfähigkeit aufbauen kann – und ob das Unternehmen daraus eine realistische Fachkräfteperspektive entwickelt.
Dafür braucht es vor der Freigabe der Ausbildungsstellen eine kurze Entscheidungsvorlage:
- Welche zwei bis drei Aufgaben sollen nach zwölf Monaten selbstständig gelingen?
- Wer verantwortet die Lernbegleitung im Alltag?
- Welche Fachkraftlücke soll der Ausbildungsberuf mittel- und langfristig adressieren?
- Welche Annahme würde uns in sechs Monaten zeigen, dass wir nachsteuern müssen?
Vier Fragen. Eine Seite. Mehr Strategie als ein pauschaler Kürzungsbeschluss.
Der teure Platz ist nicht immer der zusätzliche
Ausbildung darf unter wirtschaftlichem Druck überprüft werden. Sie muss nicht sakrosankt sein. Aber sie sollte auch nicht zum ersten Posten werden, der gestrichen wird, weil seine Wirkung später eintritt.
2025 begannen bundesweit weniger junge Menschen eine duale Ausbildung als im Vorjahr.[2] Gleichzeitig stieg die Zahl der unversorgten Bewerberinnen und Bewerber deutlich.[3] Diese Kombination verlangt keine Romantisierung der Ausbildung. Sie verlangt bessere Entscheidungen.
Der teuerste Ausbildungsplatz kann der sein, der ohne Lernzeit, ohne klare Aufgaben und ohne Anschluss gebaut wird. Der teuerste nicht angebotene Platz kann aber der sein, dessen Fachkraftperspektive in drei Jahren fehlt.
Wer jetzt kürzt, sollte deshalb nicht nur fragen: Was sparen wir dieses Jahr?
Sondern auch: Welche Fähigkeit fehlt uns später, wenn wir heute an der falschen Stelle sparen?
Wer die Entscheidung nicht isoliert treffen will, kann sie mit dem Blick auf Übergänge in Ausbildung und die Übernahme nach der Prüfung ergänzen. Denn Ausbildungsplanung endet nicht mit der Unterschrift unter den Vertrag.


Sources
- IHK-Ausbildungsumfrage 2026: Wirtschaftskrise bremst Ausbildung
- Duale Berufsausbildung: 2,8 % weniger Neuverträge im Jahr 2025
- BIBB Datenreport 2026: Ausbildungsmarkt schwächer, KI im Fokus
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