Ausbildung mit Abitur: Warum Betriebe den vermeintlichen Umweg ernst nehmen müssen
„Ich will etwas Praktisches machen.“ Der Satz fällt in Gesprächen mit Abiturientinnen und Abiturienten inzwischen ohne große Rechtfertigung. Trotzdem reagieren manche Betriebe noch so, als müsse sich jemand für diesen Weg entschuldigen.
Dabei sitzt die eigentliche Irritation oft auf der anderen Seite des Tisches: Der Schulabschluss passt nicht in das alte Bild vom Ausbildungsinteressierten. Zu viel Theorie, zu wenig Geduld, vielleicht ohnehin bald an der Hochschule – so lauten die unausgesprochenen Vermutungen.
Meine These: Wer Abiturientinnen und Abiturienten gewinnen will, darf Ausbildung nicht als kleineren Plan B behandeln. Der Bildungsweg braucht eine eigene, ernsthafte Ansprache. Und er muss im Betrieb sichtbar machen, wie aus dem Einstieg Verantwortung und Entwicklung werden.

Die Zielgruppe ist längst da
Im Jahr 2025 hatten mehr als ein Viertel der Auszubildenden mit neu abgeschlossenem Vertrag die Hochschul- oder Fachhochschulreife. Destatis weist einen Anteil von 26 Prozent aus.[1] Das ist keine Randgruppe, die man mit einem Zusatzsatz in der Stellenanzeige mitnehmen kann.
Gleichzeitig begann 2025 insgesamt eine kleinere Zahl junger Menschen eine duale Berufsausbildung: 461.900 Neuverträge meldet Destatis, 2,8 Prozent weniger als im Vorjahr.[2] Das BIBB berichtet für seinen Stichtag 30. September 2025 von rund 476.000 neu abgeschlossenen Verträgen. Die Stichtage und Erhebungen sind nicht identisch.[3]
Zusammen erzählen die Daten aber eine klare Geschichte: Betriebe können es sich weniger leisten, Interessierte nach einem alten Idealbild zu sortieren. Wer eine Hochschulzugangsberechtigung mitbringt, bringt nicht automatisch die passende Motivation mit. Aber der Abschluss ist auch kein Warnsignal.
Das BIBB meldet zugleich 39.900 unversorgte Bewerberinnen und Bewerber zum 30. September 2025 – 28 Prozent mehr als im Vorjahr.[3] Diese Zahl erklärt nicht, warum einzelne Stellen unbesetzt bleiben. Sie zeigt aber, dass „keine passenden Leute“ keine ausreichende Analyse ist.
Der Fehler beginnt oft vor dem Bewerbungsgespräch
Eine Anzeige kann Abiturientinnen und Abiturienten abschrecken, ohne es zu wollen. Etwa dann, wenn sie nur „hands-on“ verspricht, aber nicht erklärt, worin das Denken, Planen und Verbessern im Beruf besteht.
Wer nach zwölf oder dreizehn Schuljahren eine Ausbildung wählt, fragt meist genauer nach dem Warum. Nicht unbedingt, weil die Person weniger praktisch arbeiten möchte. Sondern weil sie wissen will, ob der Weg trägt: Welche Aufgaben kommen nach dem Einstieg? Welche Entscheidungen darf ich später treffen? Welche Weiterbildung ist realistisch? Und wie wird aus „erst einmal anfangen“ ein eigener beruflicher Plan?
Die Antwort darf nicht aus einer Hochglanzformel bestehen. Sie muss am Arbeitsplatz erkennbar sein.
Ein Industrieunternehmen kann zeigen, wie aus einer ersten Montageaufgabe später Prozessverantwortung wird. Ein Handwerksbetrieb kann erklären, wann ein Azubi Kundentermine vorbereitet oder eigene Aufträge übernimmt. Ein Gesundheitsbetrieb kann sichtbar machen, wie Fachlichkeit, Kommunikation und Verantwortung zusammenwachsen.
Nicht jede Ausbildung muss ein Studium simulieren. Aber jede Ausbildung sollte Entwicklung erklären können.
Ausbildung ist kein kleineres Studium – und kein kleiner gemachter Beruf
Abiturientinnen und Abiturienten zu gewinnen heißt nicht, den Beruf akademischer zu verkleiden. Es heißt, die tatsächliche Komplexität nicht zu verstecken.
Viele Ausbildungsberufe verlangen längst, Informationen zu bewerten, digitale Werkzeuge sicher einzusetzen, mit Kundinnen und Kunden zu kommunizieren und Entscheidungen im Team zu treffen. Wer diese Seiten nicht zeigt, macht den Beruf künstlich kleiner – und verschenkt genau den Teil, der für viele Bewerberinnen und Bewerber interessant sein könnte.
Die bessere Ansprache lautet deshalb nicht: „Bei uns kannst du trotz Abitur auch eine Ausbildung machen.“ Sie lautet: „Bei uns lernst du einen Beruf, in dem du Schritt für Schritt Verantwortung übernimmst.“
Das ist ein Unterschied im Ton. Vor allem ist es ein Unterschied in der Erwartung an die spätere Zusammenarbeit.

Was Betriebe konkret verändern können
Der erste Schritt ist eine ehrliche Prüfung der eigenen Anzeige. Beschreibt sie nur Voraussetzungen und Benefits – oder auch die ersten echten Aufgaben, die Lernkurve und den nächsten Verantwortungsbereich?
Danach lohnt sich ein Gespräch mit den eigenen Auszubildenden. Nicht mit der Frage, warum sie sich beworben haben. Sondern mit der Frage, an welcher Stelle sie verstanden haben: Hier kann ich mich entwickeln.
Aus diesen Antworten entstehen oft bessere Recruiting-Bausteine als aus einer weiteren Kampagne:
- Einstieg konkret machen: Was passiert in den ersten vier Wochen? Welche Aufgabe kann ein neuer Azubi am Ende des ersten Halbjahres selbstständig übernehmen?
- Entwicklung zeigen: Welche zusätzlichen Qualifikationen, Projekte oder Verantwortungsbereiche sind nach dem Einstieg möglich – ohne Versprechen zu erfinden?
- Den Beruf nicht verkleinern: Auch anspruchsvolle Denk-, Kommunikations- und Entscheidungsaufgaben gehören in die Beschreibung.
- Auswahl sauber trennen: Ein guter Schulabschluss ersetzt kein Kennenlernen. Er darf aber auch nicht als versteckter Verdacht gegen die Ausbildung gewertet werden.
- Praktische Einblicke anbieten: Ein realistischer Einblick in Werkstatt, Büro, Praxis oder Baustelle beantwortet mehr Fragen als ein allgemeiner Satz über „abwechslungsreiche Aufgaben“.
Das braucht nicht zwingend ein eigenes Recruitingprogramm. Oft beginnt es mit einer anderen halben Stunde im Bewerbungsgespräch.
Die entscheidende Frage lautet nicht: Warum keine Hochschule?
Wer Abiturientinnen und Abiturienten nur fragt, warum sie nicht studieren, macht die Ausbildung zum Gegenentwurf. Damit bleibt der Blick auf dem vermeintlichen Umweg hängen.
Die bessere Frage lautet: Was soll dieser Mensch in den nächsten Jahren lernen, können und verantworten? Diese Frage passt zu einer Ausbildung. Und sie passt zu Menschen mit ganz unterschiedlichen Schulabschlüssen.
Die Daten belegen keinen Automatismus: 26 Prozent mit Hochschul- oder Fachhochschulreife bedeuten nicht, dass jede Ausbildung für diese Gruppe umgebaut werden muss.[1] Sie zeigen aber, dass die Zielgruppe groß genug ist, um sie nicht mit einer Nebenbotschaft abzufertigen.
Ein Ausbildungsplatz ist kein Trostpreis. Er ist ein beruflicher Anfang.
Wenn Betriebe das in ihrer Ansprache, im Gespräch und im Alltag sichtbar machen, gewinnen sie nicht automatisch jede Bewerberin und jeden Bewerber. Aber sie erhöhen die Chance auf eine ehrlichere Entscheidung – auf beiden Seiten.
Die Frage für die nächste Ausschreibung ist deshalb einfach: Beschreiben wir die Ausbildung so, wie wir sie wirklich meinen? Oder so, wie wir sie vor zehn Jahren noch erklärt haben?
Sources
- Destatis: 26 % der neuen Auszubildenden hatten 2025 Abitur
- Destatis: Duale Berufsausbildung 2025
- BIBB Datenreport 2026
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